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Die Folgen der Freude

23. Oktober 2010 von mgerschwitz

Ich könnt’ ja sagen: „Ich hab es gewusst“ – oder zumindest „geahnt“. Oder – wie der Berliner sagt: „Siehste!“ Mach’ ich aber nicht.

Was ist passiert? Laut „Express“ von gestern gab es einen Schadensersatzprozess, in dem ein schwuler negativer Mann die Kosten einer PEP (Post-Expositions-Prophylaxe – die „Pille danach“ bei potentieller HIV-Infektion) von seinem Sexualpartner erstattet haben wollte, der vor dem Sex die Frage nach Schutz (vulgo: Kondom) mit „nicht nötig“ beantwortet, sich nach dem Sex aber als positiv, wenn auch durch medikamentöse Behandlung nicht mehr infektiös geoutet hatte. Der Kläger glaubte ihm kein Wort, ging am nächsten Tag zum Arzt und unterwarf sich der PEP, für die er aus eigener Tasche mehr als 1.500 Euro hinblättern musste. Resultat: HIV-negativ; aber sehr wahrscheinlich nicht wegen der PEP, sondern tatsächlich wegen der Nicht-Infektiosität des positiven Partners. Trotzdem wurde dieser zur Zahlung verurteilt; dem Kläger rechnete der Richter aber 25% Mitverantwortung an, da er nicht auf geschützten Verkehr bestanden habe.

Tatsächlich: Unter bestimmten Voraussetzungen (Viruslast seit sechs Monaten unter der Nachweisgrenze, regelmäßige antiretrovirale Therapie, keine anderen über Sexualkontakte übertragbaren Geschlechtskrankheiten) gilt ein positiver Mensch als nicht infektiös. Das hat die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF) bereits 2008 festgestellt und daraus den Schluss gezogen, dass in diesem Falle innerhalb einer festen Beziehung zwischen einem negativen und einem positiven Menschen auf geschützten Sex verzichtet werden könne, wenn der negative Partner nach Information und Beratung einwillige.

Nach dem Prinzip der „Stillen Post“ aber verkürzte sich das Ganze sinnentstellt zur „EKAF-Empfehlung“, nach der positive Menschen unter den o.g. Voraussetzungen vom Kondome befreit seien. Und das klang ja auch viel zu schön, um wahr zu sein! Nach Jahren der Stigmatisierung, der Diskriminierung, der Zurückweisung endlich wieder „auf dem Markt“ sein zu dürfen, ohne groß vorher diskutieren zu müssen. Positive Menschen konnten sich durch die medizinischen Tatsachen wieder einen Freiraum schaffen – und auch offizielle Institutionen, z.B. mit dem „Prinzip der geteilten Verantwortung“, stießen kräftig in dasselbe Horn.

Leider passierte das, was passieren musste. Aus allen Stellungnahmen, Veröffentlichungen, Positionspapieren und dergl. wurden nur rudimentäre und dem eigenen Bedarf angepasste Schlüsse gezogen. Mit der „EKAF-Empfehlung“ unter dem Arm und den offiziellen Stellungnahmen im Ohr begannen manche positive Menschen von ihrer Verantwortung beim Geschlechtsverkehr Abstand zu nehmen. Und auch das „Prinzip der geteilten Verantwortung“ spielte ihnen in die Hände … denn nun – so konnte man das ja auch auslegen – läge die Verantwortung auch beim anderen, und wenn der sie schon nicht auslebe, müsse man das ja auch nicht.

Das aber ist genau das Problem. Das „EKAF-Statement“ – ich weigere mich, das oft benutzte Wort „Empfehlung“ zu verwenden, denn eine pauschale Empfehlung zu ungeschützten Geschlechtsverkehr kann und darf es nicht geben – und auch das „Prinzip der geteilten Verantwortung“ sind hochrationale Konstrukte, die in der Theorie völlig richtig sind, in der Praxis aber nicht entsprechend funktionieren … denn der Mensch ist nun mal nicht rational! Und selbst wenn er es tatsächlich wäre – beim Thema „Sex“ hört jeder Verstand auf, zu funktionieren. Deshalb sind die genannten Expertisen schön und gut, aber meiner Meinung nach keine geeigneten Vorlagen zum Umgang mit der Infektion.

Zurück zum beschriebenen Fall:
Tatsache ist, dass der klagende Partner Mitverantwortung trägt, weil er sich wider besseres Wissen und trotz spürbarer Unsicherheit auf ungeschützten Sex eingelassen hatte.

Der positive Partner hat in mehrfacher Hinsicht – ja, man muss es so sagen dürfen – „Scheiße gebaut“. Er hätte im Vorfeld auf seine Infektion, verbunden mit der medizinischen Tatsache der Nicht-Infektiosität, hinweisen müssen. Oder aber ein Kondom benutzen. Aber hinterher erst mit der Wahrheit herauszurücken, wenn auch in der Frage der Nicht-Infektiosität jegliche Glaubwürdigkeit verspielt ist, ist nicht nur – wie man in Bayern sagt – „hinterfotzig“ und dumm, sondern beweist auch mangelnden Respekt.

Die Freude darüber, dass man als positiver Mensch unter bestimmten Voraussetzungen eben keine „Virenschleuder“ oder „Biowaffe“ mehr ist, darf nicht dadurch getrübt werden, dass durch unangemessenes Verhalten neue Baustellen eröffnet werden. „Nicht-Infektiosität“ ist körperlich und belegbar, HIV bzw. die Angst davor aber findet nicht greifbar im Kopf statt. Und das dürfen gerade auch nicht-infektiöse positive Menschen niemals vergessen.

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MATTHIAS GERSCHWITZ

Botschafter Welt-AIDS-Tag

Endlich mal was Positives - Cover
Rote Schleife

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