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Das »Gummi«-Statement

29. Oktober 2010 von mgerschwitz

Nun hat sich auch die dagnä positioniert. Zwei Jahre nach den viel diskutierten Statement der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen (EKAF), ein Jahr nach dem ersten Kommentar der Deutschen Aidshilfe (DAH) und kurz nach der Stellungnahme der Deutschen Aidsgesellschaft (DAIG) meldet sich nach ausgiebiger Diskussion die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter, eben jene dagnä, zu Wort.

Zur Erinnerung: Im EKAF-Statement ging es um die Frage, wie die Infektiosität eines positiven Menschen unter bestimmten Bedingungen zu bewerten sei – und natürlich die möglichen Schlussfolgerungen daraus. Die Bedingungen sind allerseits anerkannt: Viruslast unter der Nachweisgrenze, regelmäßige antiretrovirale Therapie und keine anderen sexuell übertragbaren Geschlechtskrankheiten. Hiermit erschöpfen sich aber schon die Gemeinsamkeiten.

Die EKAF schließt aus der Erfüllung dieser Voraussetzungen, dass der positive Mensch nicht mehr infektiös sei, mithin also das Virus auch bei ungeschütztem Verkehr nicht weitergebe. Die DAH schließt sich im Wesentlichen dieser Lesart an, DAIG – und  nun auch die dagnä – jedoch verweisen auf ein, wenn auch geringes, so doch nicht zu vernachlässigendes Restrisiko. Das tut die DAH zwar auch, allerdings eher unterschwellig. Vielmehr wird das Restrisiko mit dem bei Verwendung eines Kondoms bestehenden gleichgesetzt.

Allen offiziellen Stellungnahmen, Positionspapieren und Kommentierungen ist gemein, dass sie unglaublich verkopft formuliert sind, so dass man den Eindruck gewinnen kann, sie sollen von „normalen“ Menschen nicht verstanden werden oder aber es reichen dem Leser zufällig ausgewählte Schlüsselworte zur Rechtfertigung des eigenen Verhaltens. Dies hat z.B. dazu geführt, dass sich vielfach die Meinung durchgesetzt hat, beim EKAF-Statement handele es sich um eine „Empfehlung“, zumal eine, die auch positiven Menschen ungeschützten Verkehr ermögliche. Dies ist ein Trugschluss.

Das EKAF-Statement sagt – wenn auch weit hinten – klar aus, dass die formulierten Bedingungen dazu gereichen sollen, ungeschützten Sex innerhalb stabiler Partnerschaften zwischen positiven und negativen Menschen zu ermöglichen, wenn denn der negative Partner nach eingehender Information und Beratung einwilligt. In allen anderen Fällen (z.B. anonymer Sex, One-Night-Stand, häufig wechselnde Geschlechtspartner) weist auch die EKAF darauf hin, dass es keine Alternative zum Kondom gebe.

Während EKAF und DAIG als Fachgesellschaften eine neutrale Position einnehmen, betrachtet die dagnä das Thema schwerpunktmäßig von der medizinischen Seite und aus dem Praxis-Alltag. Die DAH wiederum sieht sich als Vertreter der positiven Menschen.

Was mir in diesem Zusammenhang fehlt, ist der Dialog zwischen positiven und negativen Menschen. Die DAH könnte hier eine Lücke füllen. HIV hat sich – dank moderner Therapiemöglichkeiten – von einer tödlichen zu einer chronischen und behandelbaren Krankheit gewandelt. Die Lebensqualität positiver Menschen ist erheblich gestiegen – und die DAH wie auch andere Institutionen werden nicht müde, das zu betonen. Was geblieben ist – ist die Angst der negativen Menschen vor der Infektion, und damit auch vor dem positiven Partner als solches. Was nützt das stete Herunterbeten der (angeblichen) Nicht-Infektiosität unter EKAF-Bedingungen, wenn die eigentliche Zielgruppe, die negativen Menschen, nicht erreicht werden?

Die – ich nenne sie bösartig – „mentale Selbstbefriedigung“, die manche Positive an den Tag legen, indem sie die EKAF-Bedingungen ausschließlich zu ihren Gunsten auslegen, wird schnell wieder zur Verhärtung der Fronten zwischen Negativen und Positiven führen. Wie sonst ist der Prozess um den Schadenersatz für Kosten einer unnötigen PEP (Post-Expositions-Prophylaxe) zu bewerten, nachdem der positive ONS-Partner vorher explizit sagt, Schutz (im Sinne eines Kondoms) sei nicht nötig, aber erst hinterher mit seiner Infektion und dem lapidaren Hinweis, er sei ja dank Therapie nicht infektiös, rausrückt. Kein Wunder, dass der negative Partner in heller Aufregung zum Arzt läuft. Auch wenn er sich letztlich nicht infiziert hat: Dieser junge Mann hat gegenüber Positiven ein Vorurteil mehr und wird nach dem gehabten Erlebnis einen großen Bogen um sie machen; die Chance auf ein gedeihliches Mit- und Nebeneinander ist vertan. Wer daran Schuld hat, steht für mich fest. Wer sich hinterher über mangelnde Toleranz beklagt, ebenfalls.

Positive und alle sie vertretenden Organisationen sollten sich bewusst werden, dass das, was sie wissen, nicht Allgemeinwissen ist. Um die immer wieder beklagten Diskriminierungen, Stigmatisierungen, Anfeindungen und sonstigen, wirklich überflüssigen Probleme zu beseitigen, müssen die Negativen mit auf den Weg genommen werden. Nicht nur der Positive braucht Unterstützung – auch und besonders der negative Mensch braucht die Informationen, die ihm ermöglichen, mehr zu wissen, das Richtige zu wissen und Risiken besser ein- und abschätzen zu können. Und vor allem: selbstbestimmt zu handeln. Was die Positiven fordern, sollte den Negativen recht und billig sein …

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MATTHIAS GERSCHWITZ

Botschafter Welt-AIDS-Tag

Endlich mal was Positives - Cover
Rote Schleife

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