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Mit der Frankfurter Aidshilfe auf »Klassenfahrt«

25. November 2010 von mgerschwitz

Ich war, wie man so schön sagt, »gespannt wie ein Flitzebogen«. Nachdem mir viele Leser meines Buches »Endlich mal was Positives« sagten, wie wichtig ein solches Buch mit Insider-Informationen über die HIV-Infektion gerade für Schüler bzw. Jugendliche sei, hatte ich schon selbst mit dem Gedanken gespielt, mit Schulen Kontakt aufzunehmen.

Thorsten Berschuck von der Frankfurter Aidshilfe kam mir jedoch zuvor: Er fragte Ende August an, ob ich Zeit und Lust habe, eine kleine Lesereise durch Frankfurter Schulen zu machen. Begeistert sagte ich zu – auch wenn ich mich dabei auf neues, unvorhersehbares Terrain bewegen würde. Aber immerhin war Frankfurt für mich ja lange Jahre Heimatstadt gewesen und die »Klassenfahrt« eine Art verspätetes Heimspiel.

Am 24. November war es dann soweit. Im Vorfeld des Welt-Aids-Tages am 1.12. – viele Schüler verschiedener Frankfurter Schulen sammeln an diesem Tage für die Aidshilfe – sollte ich also aus meinem Buch lesen. Was würde mich erwarten? Drei Schulen hatten Termine vereinbart. Die Hostatoschule in Höchst, eine Hauptschule, und zwei Gymnasien: die Wöhlerschule am Dornbusch sowie das Sachsenhäuser Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. Alle drei an einem Tag – Veranstaltungsdauer jeweils 90 Minuten.

Hauptschule. Schlagworte wie »bildungsfern« und »Migrationshintergrund« kamen mir in den Sinn. Dort sollte ich als schwuler Mann vor 60 Neuntklässlern über HIV reden. Ob das gut gehen würde? Ich ziehe die Antwort vor: Es ging nicht gut – es ging fabelhaft. Selten habe ich eine so bunte und ebenso bunt durcheinander gewürfelte Truppe erlebt. Ich hatte mir überlegt, statt zu lesen, meine Geschichte mit HIV anhand des Buches zu erzählen und wollte so den Schülern die Möglichkeit geben, direkt Fragen zu stellen, wenn ihnen etwas unklar war oder sie mehr wissen wollten. Ich kam aber nicht weit mit dem Erzählen. Als ich davon berichtete, wie ich mein Testergebnis erhalten hatte, fragte ich in die Runde, wem denn die Schüler an meiner Stelle zuerst davon erzählt hätten. »Meinem besten Freund«, »Niemanden, das ist allein meine Sache« und »Meiner Mutter natürlich« waren die ersten Antworten – wobei die erwartete Reaktion der Mutter (»Ohrfeigen«) gleich mitgeliefert wurde.

Jetzt war kein Halten mehr. Im Staccato schossen Arme in die Höhe und Fragen prasselten auf mich ein. Das Interesse wollte einfach nicht abebben, ich kam mit den Antworten fast nicht nach. »Merkt man, wenn man sich infiziert?«, »Haben Sie an Selbstmord gedacht?«, »Was kosten denn soviel Tabletten«, »Was passiert, wenn ich die Tabletten nehme, aber gar nicht positiv bin« und so weiter. Gebannt lauschten sie, als ich über Diskriminierung sprach und ihnen meine Sichtweise erklärte, dass Diskriminierung immer eine Folge von Unwissenheit und Ängsten vor dem »Anders sein« sei … und eben durch Offenheit, Information und Gespräche verhindert werden könne. Auch andere Themen wurden hinterfragt: »Wann sind Sie schwul geworden?« oder »Hatten Sie schon mal was mit Mädchen?« (mein »ja«  als Antwort auf diese Frage wurde sehr überrascht aufgenommen) und »Haben Sie einen Freund?«. Diese Frage eines Schülers verneinte ich wahrheitsgemäß, ergänzte aber ein »Ich bin noch zu haben, wenn Du Interesse hast«, was große Heiterkeit erzeugte. Man merkte den 14- und 15-jährigen deutlich an, dass Ihnen die Fragen wichtig waren – und sie scheuten sich auch nicht, dadurch potenzielle Wissenslücken zu offenbaren. Es waren die kurzweiligsten 90 Minuten, die ich seit langem erlebt habe. Und ich muss diesen aufgeweckten Schülern herzlich danken, dass sie mir den Start in das Projekt »Schulvorträge« so leicht gemacht haben.

Dann ging es zur Wöhlerschule. Große Aula, hohe Bühne, Rednerpult. Stuhlreihen eher im mittleren bis hinteren Saalbereich. Etwa 150 Schüler. Bei Gymnasiasten – auch wieder Jahrgangsstufe 9 – war es wohl einfacher möglich, zu lesen. Fragen – so bot ich an – könnten dann zwischen den einzelnen Themenkomplexen gestellt werden. Aber Fragen kamen so gut wie keine. Offensichtlich wollten sich hier die Schüler keine Blöße geben – außerdem war die Distanz zwischen mir und dem Auditorium zu groß und vielleicht auch zu abschreckend. Trotzdem waren die Reaktionen positiv. Ein anwesender Journalist, der nach der Lesung O-Töne von Schülern eingesammelt hatte, bestätigte mir das. Auch die Lehrer waren angetan. Nur ich hatte etwas gelernt: Wenn man eine persönliche Geschichte vermitteln möchte, ist Nähe notwendig.

Die gab es dann wieder im Freiherr-von-Stein-Gymnasium. Ein ziemlich neuer Bau mit einer großzügigen Eingangshalle vermittelte mir den Eindruck von positiv aufgeladener Lernatmosphäre. An der großen Glastür hing mein Foto mit einem Plakat, das groß auf die »Autorenlesung« aufmerksam machte. Die rührige Lehrerin, die die Veranstaltung organisiert hatte, hatte zudem ordentlich die Werbetrommel gerührt, so dass sich auch hier wieder etwa 150 Schüler aus den Klassenstufen 9, 10 und 11 einfanden. Einige verzichteten sogar auf Freistunden, um dabei zu sein. Das merkte man auch an der Atmosphäre im »Auditorium«, wie der Raum hieß. Hier war wieder Nähe angesagt, Stuhlreihen und Stehpult standen auf einer Ebene. Die Schüler feierten sich anfangs selbst, applaudierten und johlten bei jedem Satz der Vorstellung und der Begrüßung. Als ich mit meiner Lesung begann, war es aber schnell still im Saal. Nach etwa einer Stunde ging es  in das Frage-Antwort-Spiel, das an dieser Schule wieder besser funktionierte. Auch hier interessierten Infektion und Kosten der Therapie; eine Schülerin wollte wissen, ob ich wirklich so »positiv« mit der Krankheit umgehe, wie ich das beschrieben habe. Faszinierend fand ich, dass eine muslimische Schülerin mit Kopftuch mich sehr deutlich zu Sexualität befragte, also sich völlig anders darstellte, als man es gemeinhin annimmt. Eine schöne Erfahrung.

Das Fazit: Wieder etwas dazugelernt. Man kann mit Schülern über HIV reden – und sie sind auch gewillt, zuzuhören und – wenn auch nicht immer vor ihren Klassenkameraden, sondern lieber im Einzelgespräch hinterher – Fragen zu stellen. Gelohnt hat sich auch, auf die Facebook-Fanpage des Buches hinzuweisen. Es sind etliche neue Fans dazugekommen, ebenso wie einige Freundschaftsanfragen. Und viele werden auch sicherlich die Website welt-aids-tag.de angeklickt haben, um sich die Videos der Botschafter anzusehen.

Es ist ganz schön anstrengend, innerhalb von acht Stunden drei 90-minütige Veranstaltungen vor insgesamt über 350 Schülern durchzuführen. Ich würde es jederzeit wieder machen, weil es Spaß gemacht hat. Vor allem, wenn ein 14-jähriger Knirps – wahrscheinlich arabischer Herkunft – hinterher kommt und sagt: »Ich finde Sie cool.«

2 Kommentare to “Mit der Frankfurter Aidshilfe auf »Klassenfahrt«”

  1. barbara sagt:

    Wunderbar – sicher eine wichtige und tolle Erfahrung für beide Seiten! Ich hoffe sehr, es wird noch viele weitere solcher „Events“ geben.
    (dem Schluss-Statements des Schülers kann ich mich nur anschließen! 🙂

    ganz herzliche Grüße!

  2. […] Veranstaltungen in Hauptschulen in Problembezirken gehabt, bei denen ich dann aber die allerbesten Erfahrungen machen konnte. Also, nix wie […]

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MATTHIAS GERSCHWITZ

Botschafter Welt-AIDS-Tag

Endlich mal was Positives - Cover
Rote Schleife

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