Pixel

Ist Nadja Benaissa eine AIDS-Aktivistin?

15. März 2011 von mgerschwitz

Durch das Sonder-Positivenplenum gestern Abend erfuhr ich, dass Nadja Benaissa, ex-Mitglied der Girlgroup »No Angels« und Schlagzeilen-Star des vergangenen Jahres wegen eines Prozesses um die Weitergabe des HI-Virus nach ungeschütztem Sex, beim Kongress »HIV im Dialog«, der am 26./27. August 2011 in Berlin stattfindet, mit dem »ReD Award«, bezeichnet nach der »Reminders Day Aids Gala«, ausgezeichnet werden soll.

Nun muss ich voranschicken, dass ich gar nicht wusste, dass es einen »ReD Award« gibt. Aber das wusste ich auch beim »Annemarie-Madison-Preis« nicht, den ich anlässlich der Münchner Aidstage im März 2010 für mein Buch »Endlich mal was Positives« erhielt. Allerdings konnte ich bald herausfinden, wer die Namensgeberin ist bzw. war, denn Annemarie Madison verstarb im Januar 2010 nach über 25 Jahren intensiver Arbeit um das Thema HIV, Aufklärung, Prävention, Entstigmatisierung, Enttabuisierung und und und … die Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen.

Bei der Recherche zum »ReD Award« stieß ich auf das »HIV im Dialog«-Programmheft aus dem Jahr 2010 und die »Reminders Day Aids Gala«. Ich zitiere: »Der ReD Award gilt als besondere Auszeichnung für außerordentliches Engagement im Kampf gegen HIV und Aids.« Preisträger waren der Schauspieler und langjährige Moderator der Gala, Georg Uecker, sowie die Gründungsmitglieder der Berliner Aids-Hilfe, Konrad Möckel und Dr. Gerd Paul. Damit wird die Idee des »ReD Award« deutlich, insbesondere, wenn man sich die Liste der bisherigen Preisträger ansieht. Aber was bitte hat Nadja Benaissa mit »außerordentlichem Engagement im Kampf gegen HIV und Aids« zu tun?

Ich möchte vorweg bemerken, dass ich nichts gegen sie habe. Auch ich bin der festen Überzeugung, dass ihr im Rahmen der Anzeige und des Prozesses durch die Staatsanwaltschaft Darmstadt, die sie zwangsweise als HIV-positiv outete, und die Medien übelst mitgespielt wurde. Aber dass ihre Nominierung gestern beim Sonder-Positivenplenum mit dem Hinweis auf »Aktivismus, Solidarität und Kriminalisierung« unterstützt wurde, hat mich entsetzt. Dazu mein Kommentar:

Nadja Benaissa ist keine Aktivistin. Ihr gebührt in dieser Kategorie höchstens der Preis für Passivität. Sie ist durch eigenes Fehlverhalten in eine Situation geraten, in der sie, zugegeben, einem besonderen öffentlichen Druck ausgesetzt war. Aber Öffentlichkeit war ihr schon vorher im Rahmen ihrer Karriere nicht fremd. »Aktivistin« wird man, wenn man sich intensiv und über einen längeren Zeitraum für eine Sache einsetzt. Beides ist bei Nadja Benaissa nicht gegeben. (Annemarie Madison würde im Grabe rotieren …) Intensiv tätig war sie nicht – und ebenfalls nicht über einen »längeren Zeitraum«: Auch wenn dank Nadja Benaissa kurzzeitig deutlich wurde, dass HIV auch heterosexuelle Frauen betreffen kann, hat sich der Medienhype ausschließlich mit ihr als prominenter Infizierter befasst – mehr nicht. Kurz nach dem Prozess waren sowohl Medienhype wie Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nämlich schon wieder verschwunden. Fragt man heute Menschen auf der Straße nach ihr, wird man im Höchstfall die Antwort »Das war doch die, die ihren Freund mit HIV infiziert hat« erhalten. Und das ist wahrlich kein »außerordentliches Engagement im Kampf gegen HIV und Aids«.

Nadja Benaissa hat nichts für die Solidarität getan. Ganz im Gegenteil: Sie wurde von einer Welle der Solidarität aus der positiven Community (so es sie denn gibt) unterstützt. Insofern gebührt eher ihren Unterstützern dieser Preis. Und noch mehr: Nadja Benaissa hat die Bemühungen aller Beteiligten,  Akzeptanz, Toleranz, Verständnis und »Normalität« im Umgang mit der Infektion und den Infizierten zu erreichen, weit hinter die 80er Jahre zurückgeworfen, indem sie fast ausschließlich die Mitleidsschiene bedient hat – eine Schiene, die der Infektion und noch weniger den Infizierten auch nur annähernd angemessen ist und die alle Aktivitäten, die seit vielen Jahren – teilweise bekanntlich gegen Windmühlen – entfacht wurden und werden, konterkariert.

Nadja Benaissa ist kein Justizopfer, und weder sie noch HIV-Infizierte allgemein wurden kriminalisiert. Sie hat sich eine – im derzeitigen Rechtssystem nach wie vor verankerte – fahrlässige Körperverletzung zu Schulden kommen lassen und wurde dafür vor Gericht mit einer meiner Meinung nach angemessenen Strafe am unteren Limit belegt. Hier muss das Rechtssystem geändert werden, denn Najda Benaissa ist nur ein Symptom! Und – ganz am Rande: Mit ihrem Verhalten hat sie sämtliche Bemühungen um die Anerkennung der EKAF-Kriterien zunichte gemacht und erst damit künftigen Kriminalisierungen Tür und Tor geöffnet. Ist das wirklich preiswürdig?

Wenn der »ReD-Award« tatsächlich an Nadja Benaissa vergeben werden sollte, genügt es also zukünftig, das Virus per ungeschütztem Sex weiterzugeben, um ausgezeichnet zu werden. Der Preis, der Kongress und die gesamte Präventionsarbeit vieler (zumeist ehrenamtlicher) Mitarbeiter sowie die bisherigen und zukünftigen Preisträger würden so der Lächerlichkeit anheim gestellt. Wenn das beabsichtigt ist – bitte sehr. Für mich wäre das ein Grund, meine HI-Viren zurückzugeben. Mit einer »Community«, die ein solch krasses Fehlverhalten unterstützt, möchte ich nicht in Verbindung gebracht werden.

6 Kommentare to “Ist Nadja Benaissa eine AIDS-Aktivistin?”

  1. alivenkickn sagt:

    Deiner Kritik kann ich mich in großen Teilen nur anschließen.

  2. Björn sagt:

    Hallo Matthias,
    ich stimme mit dir da völlig überein. Ich wünsche Fr. Benaissa alles Gute, dennoch kann ich und will ich in ihr keine Aktivistin in Sachen HIV- & AIDS-Prävention erkennen.
    Das einzig Positive – was dadurch Zustande kam – ist, dass HIV wieder verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt wurde. Und das geschah auch noch völlig unfreiwillig. Und ihr deswegen einen Preis anzuerkennen? Lächerlich und total unüberlegt.

  3. Christof sagt:

    Es stimmt, was du schreibst.
    Ich wünsche Nadja Benaissa alles erdenklich Gute in ihrem Leben aber den Preis hat sie nicht verdient!

  4. Ich denke nach dem Medienrummel um Nadja Benaissas Prozess bezüglich der Verbreitung des HIV Virus durch ungeschützten Geschlechtsverkehr kann Nadja es leider niemandem mehr recht machen. Benaissa hätte diesen Preis sehr wohl für ihr Engagement verdient, sie ist sehr wohl eine Aids Aktivistin, zeigt uns dass auch mit der Diagnose HIV positiv das Leben gut gemeistert werden kann und warnt uns zugleich vor den Folgen von ungeschütztem Sexualverkehr. Natürlich tut es ihr leid aber was geschehen ist ist geschehen.
    Roger Beleffi

  5. Ulrike Laube sagt:

    ich habe es nicht für möglich gehalten … und ich musste erst eine nacht darüber schlafen … es tut mir leid, aber ich verstehe diese wahl der jury nicht. wer sitzt denn in dem gremium? wenn jemand wissentlich HIV verbreitet und von der initiative „vergessen ist ansteckend“ dafür mit einem award ausgezeichnet wird, sollte dieser preis ab jetzt „VERDRÄNGEN ist ansteckend“ oder „HIV OHNE GUMMI VERTEILEN ist EIN KAVALIERSDELIKT“ heißen.
    als betroffene – UNWISSENTLICH und UNABSICHTLICH angesteckte heterosexuelle monogame frau – erkläre ich mich solidarisch mit ALLEN infizierten … es fällt mir aber schwer, mich mit frau benaissa solidarisch zu erklären. mein leben hat sich grundlegend verändert … medikamente bis zum lebensende mit fiesen nebenwirkungen, keine spontanität in der partnerschaft, hangeln von laborwert zu laborwert, keine reisefreiheit, kein arbeiten mehr in meinem alten beruf, wenn ich glück habe erlebe ich meine kinder einen schulabschluss machen … und und und ich kenne gezwungenermaßen genügend menschen in meinem umfeld, die diesen award verdient hätten, aber die sind nicht berühmt!!!

    Hallo Ulrike, N.B. hat nicht den »Red Award« bekommen (der ging an die amerikanische Fotografin Nan Goldin), sondern wurde für Ihren Mut, »sich nicht unterkriegen oder gar aus der Öffentlichkeit drängen zu lassen« geehrt. Man darf sich natürlich die Frage stellen, ob es nicht wesentlich mehr Mut bedarf, sich ohne Polizei, Staatsanwaltschaft und Medien – also ohne erzwungenen Anlass, der Krankheit zu stellen und sich zu outen … zumal, wenn nicht der Ruch der wissentlichen Ansteckung im Raume steht. Es steht ohne Zweifel fest, dass N.B. übelst mitgespielt wurde … aber es steht auch zweifelsfrei fest, dass sie das selbst hätte verhindern können.

  6. susi sagt:

    Ich denke sie hat das Preis nicht verdient und haette es besser ablehnen sollen und die Veranstalltung nicht als Werbeflaeche ausnuzen sollen. Sie ist kein Vorbild … Ich wuensche ihr nur das Beste aber nicht in der Oeffentlichkeit.

    Hallo Susi, N.B. hat nicht den »Red Award« bekommen (der ging an die amerikanische Fotografin Nan Goldin), sondern wurde für Ihren Mut, »sich nicht unterkriegen oder gar aus der Öffentlichkeit drängen zu lassen« geehrt.

Kommentar hinterlassen

MATTHIAS GERSCHWITZ

Botschafter Welt-AIDS-Tag

Endlich mal was Positives - Cover
Rote Schleife

Pixel