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HIV bei Wasser und Brot

22. September 2011 von mgerschwitz

Wer diese Überschrift liest, wird sich seinen Teil denken. Und zum Teil auch recht haben, denn am vergangenen Freitag, den 16.9.2011, wurde ich standesgemäß mit »Wasser und Brot« begrüßt. Schließlich las ich – zum ersten Mal – in einer Haftanstalt.

Im Nachgang zu einer Lesung in Mainz im Mai 2011 war ich von der Straffälligenhilfe Wiesbaden angefragt worden, ob ich mir vorstellen könne, in einer Jugendstrafanstalt aus »Endlich mal was Positives« zu lesen; das Thema »HIV« sei dort natürlich auch aktuell, wenn auch sicherlich eher aus dem Bereich der Drogengebraucher als aus Gründen ungeschützten Geschlechtsverkehrs. Aber weiß man’s? Immerhin wurde mir bereits im Vorfeld gesagt, dass Homosexualität im »Knast« ebenso weit verbreitet sei wie etwa in der Fußball-Bundesliga.

Natürlich konnte ich mir eine Lesung hinter Gittern vorstellen. Allerdings ist es schwierig, ohne Verurteilung ins Gefängnis zu kommen. (Dafür ist es aber auch leichter, wieder herauszukommen.) Da ich anlässlich der 6. Frankfurt Aids-Präventionstage ohnehin zu einer Lesung in Frankfurt und den dazugehörigen Veranstaltungen im Nordwest-Zentrum eingeladen war, ließ sich der Besuch in Wiesbaden gut mit meinen Reiseplänen kombinieren.

Man macht sich im Vorfeld ja schon so seine Gedanken. Ich ahnte, dass ich mich als bekennender Schwuler und geouteter HIV-Positiver bei der Veranstaltung in einer Strafanstalt potenziell durchaus in eine – nennen wir sie mal – zwangsdefensive Haltung würde begeben müssen. Andererseits hatte ich ähnliche Gedanken vor Veranstaltungen in Hauptschulen in Problembezirken gehabt, bei denen ich dann aber die allerbesten Erfahrungen machen konnte. Also, nix wie ’ran.

Der Eintritt in diese für mich völlig fremde Welt entsprach allen Klischees, die man aus den Medien, insbesondere Krimiserien kennt. Mauern, Stacheldraht, Stahltore. Im Gelände die erste Überraschung: keine endlos langen Gebäude, sondern moderne kleinere Einheiten, »Häuser« genannt. Auf dem Weg zur »Bücheroase«, der neu eingerichteten Bücherei, doch wieder eine Portion Klischee: Gesichter, die sich an vergitterten Fenstern die Nase plattdrückten, einzelne, akustisch schlecht verständliche Zurufe. Nach dem Passieren diverser Gittertore dann endlich die »Bücheroase«. Ein nicht sehr großer, doch hell und freundlich eingerichteter Raum mit recht gut gefüllten Regalen an zwei Wänden. Nicht schlecht für eine gerade erst eröffnete Bücherei, die im Wesentlichen auf Spenden angewiesen ist. Direkt nach der feierlichen Eröffnung in Anwesenheit des hessischen Justizministers hatte ein Run auf die Bücher bzw. die Büchereiausweise begonnen, der zeigte, dass die inhaftierten 19-25jährigen Männer die Zeit hinter Gittern durchaus sinnvoll nutzen wollen. Schließlich können sie hier auch ihren Schulabschluss nachmachen.

Einige der Insassen waren bereits da, andere trudelten der Reihe nach ein. Natürlich war der Besuch freiwillig, auch wenn pro »Haus« nur maximal zehn Bewohner zugelassen waren. So saßen insgesamt etwa 30 Jugendliche und acht Mitarbeiter der Anstalt, des Fördervereins und der Straffälligenhilfe im Rund, als die Lesung begann. Im Vorfeld war mir gesagt worden, dass die Konzentration etwa für eine Stunde reichen und es nicht immer ruhig zugehen würde. Zudem könne, wer keine Lust mehr habe, einfach aufstehen und gehen. Nichts dergleichen aber geschah; und ich bilde mir ein, dass es nicht nur an der eindringlichen Ermahnung der sehr resoluten Lehrerin zu Beginn der Veranstaltung gelegen haben wird.

Nach etwa einer Stunde wurde meine Lesung mit langem Applaus bedacht, bevor sich zaghaft, aber zunehmend eine Diskussionsrunde anschloss. Fragen über die Infektion, die Therapie und mein Selbstverständnis wechselten sich ab mit Fragen über die praktische Seite der Homosexualität (»Wir haben Puffs, wie macht ihr das?«) oder die Herkunft von potenzieller Diskriminierung (»Warum ekeln wir uns davor, wenn sich zwei Männer küssen – finden das aber geil, wenn es zwei Frauen tun?«). Von Seiten eines Mitarbeiters kam die Frage, was ich einem homosexuellen Häftling rate, der von seinen Mitinsassen gemobbt wird.

Puh. Ich versuchte, mir die Situation vorzustellen, indem ich Parallelen zu einer anderen Art der männlichen Zweckgemeinschaft zog, die ich kannte: der Bundeswehr. Auf meinen Hinweis, sicherlich wäre ja niemand freiwillig her, folgte unisono ein lautstarkes »Doch!« – und alle Jugendlichen zeigten mit großer Heiterkeit auf die Mitarbeiter. So kann man auch schwierige Themen gut diskutieren. Letztlich konnte ich die Frage aber nicht wirklich beantworten; allerdings wies ich darauf hin, dass ich es gut finde, wenn auch in einer solchen hermetisch abgeriegelten Gemeinschaft offen über z.B. Homosexualität oder HIV gesprochen wird, damit auch das und vor allem auch dort zu einer »Normalität« (nicht in der Ausübung, sondern im Umgang) werden könne. Inwiefern sich das in einer Strafanstalt durchsetzen lässt, vermag ich nicht zu beantworten. Allerdings ist »Endlich mal was Positives« seit diesem Tage als Klassensatz für den Unterricht in der Strafanstalt verfügbar.

Quintessenz: Es war eine tolle Veranstaltung. Insgesamt bestanden Interesse und Konzentration über fast zwei Stunden – und es kamen gute und spannende Fragen. Der Ton: sicherlich sehr viel direkter und härter als bei anderen Lesungen. Aber meine Antworten waren ebenso direkt und deutlich. Ich glaube, das kam an. Denn die Fragen und Kommentare waren niemals polemisch, diskriminierend oder unter der Gürtellinie.

Wenn Männer hinter Gittern gemeinhin als »schwere Jungs« bezeichnet werden, dann machten die anwesenden Häftlinge in Wiesbaden diesem Begriff alle Ehre: Sie waren schwer in Ordnung.

6 Kommentare to “HIV bei Wasser und Brot”

  1. Hildi sagt:

    Hallo Matthias,
    ich freue mich, so viel Positives zu lesen!! Und die Jungs fanden dich auch großartig. Mutig seist du. Einige bedauern es auch, nicht dabei gewesen zu sein … das ist ein LOB!! Konfrontierst du sie in einer Person schließlich mit zwei Vorurteilen die hinter Gittern sehr präsent sind: Homosexualität und HIV … Dass du beide Themen in dir vereinst und dabei so „normal“ aussiehst und bist, beeindruckt die meisten. – HK

  2. Ruth sagt:

    Hallo Matthias,
    dein Bericht über deine Lesung im Jugendgefängnis hat mich sehr berührt und mir gefällt es gut, dass du den Mut hattest, dort von dir und deinem Umgang mit den Themen Homosexualität und HIV zu erzählen. Über einen Kommissar weiß ich, wie es zugeht in diesen Anstalten und jeder positive Impuls von außen ist wie ein Glücksfall für die Jungs, vorausgesetzt sie öffnen sich dafür und das scheint bei deiner Lesung passiert zu sein. Ich wünsche dir weiterhin so viel Mut und Erfolg. Viele Grüße – Ruth

  3. Manuel sagt:

    Tolle Veranstaltung!!!

  4. Sehr geehrter Herr Gerschwitz,
    ich war zwar urlaubsbedingt nicht dabei, die Schilderung und die Kommentare haben mich aber, um bei dem Gewichtsbegriff zu bleiben, schwer beeindruckt. Ich finde es einfach toll, dass die noch so junge Bücheroase unter anderem auch auf diese Art und Weise so wunderbar mit Leben und Inhalten gefüllt wird. Es ist ganz bestimmt eine große Bereicherung für die hier einsitzenden jungen Menschen, deshalb ein ganz herzliches Dankeschön für Ihre Bereitschaft und Ihr Engagement in vielerlei Hinsicht.
    Herzliche Grüße
    Gustav Förster
    (Anstaltsbeirat)

  5. Markus Becker sagt:

    Lieber Matthias,
    ich kenne Dich nunmehr seit über 47 Jahren, heißt: seit meiner Geburt. In dieser Zeit habe ich Dein Outing miterlebt, Deine Infektion und Dein Umgang mit beidem. Ich habe Deinen Mut und Deine Courage ebenso fortwährend bewundert, wie Deinen steten Humor! Die Einlassung auf ein solches Projekt wie „HIV bei Wasser und Brot“ als bekennender Schwuler und Infizierter beweist in ganz spezieller Art, wie besonders Du bist. Das erfährt man allerdings auch schon, wenn man Dein Buch „Endlich mal was Positives“ liest. Ich freue mich, daß wir zur selben Familie gehören! – Sei herzlich umarmt, Markus

  6. Lieber Matthias,
    danke für deine Antwort auf meinen post auf BoD.
    Der Text oben ist toll, zeigt er mir doch mal die Sichtweise eines Nicht-Inhaftierten. Spannend! Ich merke dabei aber auch wieder einmal, wie sehr sich Frauen- und Männerknast doch voneinander unterscheiden. Homosexualität ist unter inhaftierten Frauen völlig normal und gelebte Realität. HIV allerdings auch, aber das ist den Spritzen geschuldet.
    Ach ja, und die Klischees entsprechen nur im Äußeren denen in Filmen. Das Leben im Knast entspricht in keinster Weise irgendeinem Klischee.
    Herzliche Grüße erst einmal
    Sabine

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MATTHIAS GERSCHWITZ

Botschafter Welt-AIDS-Tag

Endlich mal was Positives - Cover
Rote Schleife

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