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Lesung am Lake Oklahomo – ein Bericht

31. August 2015 von mgerschwitz

Die Einladung kam recht überraschend, aber spannend fand ich sie auf jeden Fall. Ein schwules Sommercamp, ausgerichtet von ver.di und dem DGB – und dann noch am Bodensee. Der Termin, 26. August, war schnell vereinbart … so konnte ich auf der Rückreise vom Urlaub einen Abstecher ans »Schwäbische Meer« machen. Die Lesung sollte abends stattfinden, ich wurde aber gebeten, schon zu Mittag vor Ort zu sein. Kein Problem – von Konstanz aus sind es nur 20 Minuten mit dem Zug.

Am Bahnhof – naja, eher Bahnsteig – wurde ich abgeholt und zum Gelände in Markelfingen gefahren. Seit 21 Jahren richtet der DGB Südwest dort sein Schwules Sommercamp aus, aufgeteilt in kreativ, aber auch augenzwinkernd klischeehaft bezeichnete Areale. In diesem Jahr waren es um die 80 Jungs  – ich darf das sagen, ich bin schon über fünfzig 🙂 – zwischen 16 und 32 Jahren, die dort für eine Woche zusammenkamen, um sich neben kreativen Workshops und Gesprächen über schwulenspezifische Themen (z.B. Coming-out, Älterwerden, Schwul am Arbeitsplatz) dem Sommer, dem Spaß und natürlich der Gemeinschaft in Kleinst- bis hin zu größeren Gruppen zu widmen. Das Thema, für das ich eingeladen wurde, lautete natürlich »Gesundheit«, insbesondere HIV.

Nach dem Mittagessen bekam ich Gelegenheit, mich interessierten Teilnehmern vorzustellen. Da saßen also um die 25 junge Männer und hörten sich Geschichten zu meinem persönlichen und beruflichen Werdegang und zu meinem Coming-out an. Natürlich kamen auch Nachfragen aller Art, die ich gerne beantwortete. Schon allein während dieser Stunde dachte ich wehmütig daran, dass es so etwas in meiner Jugend nicht gegeben hatte. Vieles wäre sicherlich einfacher gewesen …

Beim nachmittäglichen Kaffeeklatsch war ich erstaunt: Hier wurde nicht nur einfach erzählt und geklönt, nein: die jungen Männer hatten gewünscht, sich über das hochaktuelle Thema »Flüchtlinge« auszutauschen. Da unter den Teilnehmern auch Österreicher waren, wurden Vergleiche über den Umgang in beiden Ländern angestellt. Natürlich gab es auch hier kontroverse Meinungen, aber sogenannte »Erwachsene« können sich von dieser Diskussion eine dicke Scheibe abschneiden: Ohne Polemik, ohne Gehässigkeiten, aber doch pointiert und meinungsstark wurden Ansichten ausgetauscht und Lösungsideen entwickelt. Speziell nach den Ereignissen der letzten Wochen in Deutschland war ich froh, feststellen zu können, dass sich Mitglieder dieser Generation sehr viel Gedanken machen. Da wird einem nicht bang‘ um die Zukunft.

Um 21 Uhr war es soweit – die Puderrosa Ranch, das Gemeinschaftszelt, wurde zum Schauplatz der Lesung aus den beiden Bänden von »Endlich mal was Positives«. Nachdem sich schon nachmittags ein Teilnehmer en passant durch die Nennung von typischen Medikamentennamen als positiv geoutet hatte, war klar, dass das Thema interessieren würde, zumal es auch zauberhaft angekündigt worden war. Ein Großteil der Teilnehmer – wenn nicht sogar alle – machten es sich auf Sesseln und Sofas gemütlich und lauschte erwartungsvoll dem, was ich zu sagen hatte. Obwohl meine Stimme beim Weg durch einen ebenso unglaublichen wie unerwarteten Regenguss zwei Tage zuvor deutlich gelitten hatte, las ich insgesamt fast zwei Stunden. Nun gut … die letzte Viertelstunde krächzte ich mich durch die Zeilen. Aber verständlich war es trotzdem. Viele Nachfragen und Kommentare rundeten die Veranstaltung ab.

Eigentlich hatte ich um 23.26 Uhr den Zug zurück nach Konstanz nehmen wollen … aber wie es eben so passiert: Es wurden Bücher gekauft und auch signiert, noch weitere Gespräche geführt und neue Kontakte geschlossen. Um 1:02 Uhr sank ich in die Sitze des letztmöglichen Zugs und fuhr, beseelt von einem grandiosen Erlebnis, wieder zurück in meine Konstanzer Bleibe.

Zwei Dinge habe ich mitgenommen: So etwas wie das Schwule Sommercamp sollte man mindestens einmal erlebt haben, denn es ist gerade für junge Schwule in der Selbstfindung ein tolles Angebot. Und: Ich sollte mehr Bücher über schwule Themen schreiben. Vielleicht darf ich dann noch mal wiederkommen …

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MATTHIAS GERSCHWITZ

Botschafter Welt-AIDS-Tag

Endlich mal was Positives - Cover
Rote Schleife

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