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Leseprobe 2

Positiv sollten Sie Ihren Tag beginnen

Das waren schöne Zeiten in den frühen achtziger Jahren, als das Wort »positiv« noch eindeutig positiv besetzt zu sein schien. Damals sendete der Südwestfunk Baden-Baden in seinem 3. Radioprogramm die Ratgeber-Rubrik »Gesundheitstraining für Gesunde« von und mit Frau Dr. Eberlein. Eine ernst gemeinte Rubrik, die aber wie bei SWF 3 üblich, witzig aufgemacht war. In vierzig bis sechzig Sekunden Sendezeit gab Frau Dr. Eberlein jeweils einen Ratschlag, mit dem sich die Stimmung schon am frühen Morgen aufhellen sollte, um den Tag angenehmer zu gestalten. Der Titel »Positiv sollten Sie Ihren Tag beginnen« wurde schnell zum geflügelten Wort, bis – ja, bis das Wort »positiv« durch die Entdeckung von HIV und AIDS einen zweiten, unheilschwangeren Sinn bekam. Damit war die Rubrik gestorben.

Heute muss man sich fragen: Warum eigentlich? Denn »positiv« hatte noch nie nur eine einzige Bedeutung. Das Wort entstammt dem Lateinischen und bedeutet ursprünglich soviel wie »gesetzt« (im Sinne von »das ist so«), und wird im Allgemeinen in der Bedeutung »bejahend« oder »zutreffend« verwendet. In der Mathematik sind die »positiven Zahlen« diejenigen größer als Null, und in der Fotographie ist das »Positiv« die seitenrichtige Abbildung mit der dem Objekt entsprechenden Licht- und Schattenverteilung.  In der Physik wird ein Körper »positiv« elektrostatisch aufgeladen, wenn Elektronen von ihm auf einen anderen Körper übertragen werden und in der Musik bezeichnet das Hauptwort »Positiv« eine kleine, transportable Orgel (hier stammt der Begriff allerdings vom lateinischen »ponere: setzen, stellen, legen« ab und bedeutet, dass man das Instrument überall aufstellen kann). In der Medizin ist der Begriff »positiv« schon lange als Befund eines Krankheitsbildes bekannt. Nur: Seit HIV und AIDS wird das Adjektiv erstmals direkt mit der Diagnose verknüpft; die Krankheit heißt »HIV-positiv« oder kurz: »positiv«. Vielleicht wurde deshalb die Radio-Rubrik beendet.

Dabei zielte Frau Dr. Eberlein allein auf die Psyche ab. Seit langem ist bekannt, dass sich eine positive Lebenseinstellung vorteilhaft auf den Umgang mit Depressionen auswirkt und ganz allgemein die Gesundheit fördert. »Lachen ist gesund«, weiß schon der Volksmund. Und eine Studie der University of Texas will vor einigen Jahren herausgefunden haben, dass eine positive Einstellung zum Leben sogar das Altern verzögern kann. Die psychischen Auswirkungen der positiven Lebenseinstellung können den Umgang mit einer unheilbaren Krankheit also positiv beeinflussen – selbst wenn die Krankheit ebenfalls »positiv« heißt. Man muss es nur zulassen.

Die »positive« und die »negative« Einstellung zum Leben trennen den Optimisten vom Pessimisten. Ich darf für mich in Anspruch nehmen, ein Optimist zu sein. Die Anlage dazu habe ich wahrscheinlich schon in den Genen – getreu des schönen Goethe-Versleins: »Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen – Vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren« – aber was man mit Optimismus erreichen kann, habe ich durch meinen ältesten Bruder erfahren und von ihm gelernt. Er litt sechzehn Jahre lang an einem Gehirntumor, der trotz mehrfacher Operationen nicht komplett entfernt werden konnte, und starb kurz nach seinem 30. Geburtstag an den Folgen der Geschwulst. Ich erinnere mich noch an seine Reaktion, als der Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Universitätsklinik Köln eine notwendige Operation kurzfristig verschob, weil sich das Ärzteteam noch nicht ganz sicher über die Durchführung war. Als meine Mutter und ich meinen Bruder am Vorabend des geplanten OP-Termins besuchten, begrüßte er uns mit den Worten: »Sag mal ’nen Satz mit X: War wohl nix!«. Sein positives Denken, seine Wir schaffen das schon-Einstellung und sein unbändiger Lebenswille haben mich tief beeindruckt und entscheidend geprägt. Als ich zwölf Jahre später selbst den 30. Geburtstag feierte, widmete ich ihm diesen Tag. Heute bin ihm unendlich dankbar für alles, was ich von ihm an Lebenskunst gelernt habe und fühle mich ihm näher als je zuvor.

Der Optimist, und ich bin wirklich froh, mich als solchen bezeichnen zu können, nimmt das Leben leicht; manchmal auch so leicht, dass die Umgebung den Eindruck gewinnen könnte, zu leicht. Das belegt zumindest der zuvor [im Kapitel zuvor, der Verf.] beschriebene Disput zwischen meinem engsten Freund Thomas und mir über den Vorwurf der Verdrängung. Dazu kommt noch eine gewisse Flapsigkeit, mit der ich die Sprache gerne als Stilmittel einsetze und die auch vor der verbalen Auseinandersetzung mit der Krankheit nicht Halt macht. Einer meiner Lieblingssprüche zu diesem Thema lautet: »Im Grunde meines Herzens war ich immer schon ein positiver Mensch, da wollte der Körper nicht nachstehen.«

An solchen Formulierungen scheiden sich die Geister. Manche lachen und finden es gut, wenn ich die Krankheit mit Humor nehme. Andere wiederum werfen mir vor, es mangele mir an dem nötigen Ernst, was natürlich nicht stimmt. Und außerdem: Wieviel Ernst ist nötig, wenn es darum geht, gut zu leben? Aber Aphorismen dieser Art erleichtern mir den Umgang mit der Krankheit – und anderen den Umgang mit mir, denn ein gemeinsames Lachen befreit. Lachen ist tatsächlich gesund. Dass es Menschen gibt, die mit solchen »Frotzeleien« nicht umgehen können, finde ich schade, aber es ist wohl nicht zu ändern.

Wohin eine pessimistische Lebenseinstellung führen kann, zeigt das Beispiel eines früheren Freundes. Wir führten eine Fernbeziehung zwischen Berlin und Zürich. Im Schnitt waren wir alle drei Wochen für ein paar Tage zusammen, zumeist in Zürich. Schon bei meiner Ankunft hatte er meine Abreise im Sinn, wurde traurig und konnte die Momente des Zusammenseins kaum auskosten. Ich hingegen genoss die gemeinsame Zeit in vollen Zügen. Obwohl auch mir jedes Mal der Abschied schwerfiel, sah ich doch bereits am Horizont voller Vorfreude das nächste Treffen. In dieser Konstellation hat es eine Beziehung schwer, nicht zu scheitern. So etwas merkt man natürlich erst hinterher. Unterschiedliche Lebenseinstellungen können eine Beziehung sehr stark beeinflussen; und je größer die Distanz, umso störender der Einfluss. Das genannte Beispiel belegt, wie man sich erfolgreich selbst im Weg stehen kann. Klassiker wie Murphys Gesetz: »Alles was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen« werden so schnell zur Realität.

Der Pessimist steht also nicht nur sich selbst, sondern auch seinem Glück im Wege, da er grundsätzlich das Negative in den Vordergrund stellt. Der Optimist hingegen kann selbst noch in Rückschlägen etwas Positives finden und sich so auch an einem »kleinen Glück« freuen. Und dass Glück etwas ausgesprochen Gutes ist, wusste schon Voltaire: »Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein«. Recht hat er.

Ein »positiver« Krankheitsbefund, der ja eine eigentlich negative Nachricht ist, und eine »positive« Lebeneinstellung können also auch trotz der unterschiedlichen Bedeutung ihrer Vorzeichen zusammenpassen. Man muss sie nur an den richtigen Stellen zu verbinden wissen.

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MATTHIAS GERSCHWITZ

Botschafter Welt-AIDS-Tag

Endlich mal was Positives - Cover
Rote Schleife

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