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Leseprobe 1

Sicher ist nur der Tod

Ich habe Freunde, die sich in melancholischen Momenten elegisch darin ergehen, dass ich sterben werde. Da kann ich ihnen nur Recht geben, aber ich weise grundsätzlich darauf hin, dass ihnen dieses Schicksal auch nicht erspart bleiben wird. »Das Leben ist eines der schwersten und endet gewöhnlich tödlich« war ein viel und gern zitierter Sponti-Spruch meiner Jugend. Und er gilt noch heute.

Natürlich weiß ich, dass der Hinweis auf meinen Tod gut gemeint ist. Aber er bewirkt bei mir eher eine ganz andere Reaktion, nämlich: »Gut gemeint ist das Gegenteil von gut«. An dieser Art von Mitleidsbekundungen stören mich zwei Dinge. Erstens höre ich diesen Satz zumeist dann, wenn ich einem anderen bei der Lösung seiner Probleme zu helfen versuche und dem anderen plötzlich auffällt, dass seine Probleme eigentlich Peanuts sind im Vergleich zu meiner Situation. Das sehe ich naturgemäß anders, denn jedes aktuelle Problem ist wichtig und verdient eine Lösung; meine Infektion hingegen ist mittlerweile mehr als fünfzehn Jahre alt und damit alles andere als aktuell. Trotzdem wird mein Einwand immer wieder mit demselben Hinweis – ich mag das Wort Totschlagargument an dieser Stelle gar nicht verwenden – zurückgewiesen: »Aber Du bist doch unheilbar krank!« Na, herzlichen Dank.

Womit wir schon beim zweiten Punkt sind. Ich weiß, dass ich positiv bin und möchte es nicht ständig aufs Brot geschmiert bekommen. Und ich weiß, dass die Infektion unheilbar ist. Aber das sicherlich ehrlich gemeinte Mitgefühl stellt nicht mich, sondern die Infektion in den Vordergrund und degradiert mich so zu einem Statisten. Auf diese Weise werde ich eher krank, als dass ich mir die gewünschte Gesundheit erhalte. Und das ist bestimmt nicht die Intention derjenigen, die mir ihr Mitgefühl ausdrücken möchten. Trotzdem passiert es immer wieder. Man muss sich als positiver Mensch ein ganz schön dickes Fell anschaffen, um nicht an der Anteilnahme der Umgebung zu verzweifeln. Ich bin nämlich nach wie vor der Auffassung, dass ich wichtiger bin als alle Viren in meinem Körper.

Deshalb meine ernsthafte Bitte: Die größte Hilfestellung, die ich mir in Zusammenhang mit meiner Infektion vorstellen kann, ist die sachliche und interessierte Frage nach dem Umgang damit. Um etwas zu erfahren, zu lernen und zu verstehen. Verständnis ist besser als Mitleid, weil es etwas bewirkt. Akzeptanz und Toleranz sind angenehmer als Bedauern, weil sich beide Seiten dabei ernst nehmen.

Von dem für sein soziales Engagement bekannten Schriftsteller Friedrich Hebbel stammt das Zitat »Zum Mitleiden gab die Natur vielen ein Talent, zur Mitfreude wenigen.« Ein bisschen mehr Mitfreude über das Leben und etwas weniger Mitleid über den ohnehin unausweichlichen Tod – und schon wäre allen geholfen.

Leseprobe 2
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MATTHIAS GERSCHWITZ

Botschafter Welt-AIDS-Tag

Endlich mal was Positives - Cover
Rote Schleife

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