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Kannitverstan oder: Es ist schon bemerkenswert…

22. August 2010 von mgerschwitz

»Man kann selbst gar nicht so doof denken, wie manche Leute sind«, pflegte meine vor zehn Jahren verstorbene Mutter immer dann zu seufzen, wenn sich die Weitergabe selbst einfacher Informationen als ausgesprochen schwierig herausstellte. Dabei besteht Sprache doch eigentlich nur aus zu Worten zusammengesetzten Buchstaben, über deren Bedeutung Konsens herrschen sollte. »Schön wär’s« – um auch hier mal wieder das Motto des diesjährigen Stuttgarter CSDs zu zitieren.

Anlässlich des Prozesses gegen Nadia Benaissa veröffentlichte die Deutsche Aidshilfe ein Positionspapier zum Thema »HIV und Strafrecht«. Dieses Papier wurde vor ein paar Tagen im Internetforum einer großen deutschen Frauenzeitschrift zur Diskussion gestellt. Schließlich ist Nadia Benaissa eine Frau.

An Stelle der Berücksichtigung strafrechtlicher Aspekte wurden sofort moralisch-ethische Begründungen angeführt und strafrechtlich ausgelegt. N.B. sei schuld – und der Nebenkläger sei »ins offene Messer« gelaufen. Dass der Nebenkläger sich schon am ersten Prozesstage dazu bekannte, überwiegend ungeschützten Sex zu betreiben – was im Jahre 30 nach HIV nicht wirklich intelligent ist – wurde erst gar nicht berücksichtigt. Im Gegenteil: Jeder Versuch, das Pferd auch einmal von der anderen Seite aufzuzäumen (»Audiatur et altera pars« – »Man höre auch die andere Seite«, ein alter römischer Rechtsgrundsatz), wurde sofort als Freibrief für Verschweigen der Infektion und ungeschützten Sex ausgelegt.

Relativ schnell war sich die Forengemeinde einig, dass es keine »geteilte Verantwortung«, wie im Papier angesprochen, geben könne, sondern ausschließlich der Positive die Verantwortung habe und sich outen müsste. Das, liebe Gemeinde, bedeutet aber im Umkehrschluss, dass – wenn sich niemand outet – auch keine Infektion vorliegt. Hier offenbart sich eklatantes Unwissen, gepaart mit einem trügerischen Gottvertrauen: Denn es gibt Infizierte, die gar nichts von Ihrer Infektion wissen. Und es gibt Positive, die die Voraussetzungen erfüllen, nach denen sie medizinisch nicht mehr als infektiös gelten, siehe die »EKAF-Empfehlung«, die aktuell sogar die österreichische Staatsanwaltschaft erreicht hat.

Dieser Aspekt blieb unausgesprochen; die Antwort blieben die Forenteilnehmer schuldig. Offensichtlich wird vor dem Sex – insbesondere dem One-Night-Stand – nicht über das Thema »Geschlechtskrankheiten« bzw. »Verhütung« gesprochen.

Relativ schnell war sich die Forengemeinde auch einig darüber, dass HIV-positive Menschen nicht so viel über Diskriminierung und Stigmatisierung jammern sollten – das gäbe es doch alles gar nicht mehr. Wer positiv sei, habe sich um der Gesundheit der anderen Menschen willen zu beschränken, bis hin zur Selbstaufgabe (erlaubt wurden Abstinenz oder, im Höchstfalle: Autoerotik). Es gebe eben kein Recht auf Sexualität. Eine Userin verstieg sich sogar zu folgender Einlassung:

»Es gibt kein Menschenrecht aufs Rumficken. Aber das alles kommt einem HIV-positiven Schwulen natürlich nicht in den Sinn. Da wird nur über die eventuell eigenen limitierten Möglichkeiten zur sexuellen Entfaltung gejammert. Nur den eigenen Schwanz und Spaß im Sinn und das angebliche ›Recht‹ darauf.«

Nota bene: Es wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass in diesem Forum »aufgeklärte« Menschen unterwegs seien und Diskriminierung oder Stigmatisierung nicht stattfänden. Wie kommentiert der Lateiner: »Quod erat demonstrandum«.

Dieselbe Userin entblödete sich übrigens nicht, etwa einhundert Postings später den folgenden Einwurf abzusondern (der seitens der Forenmoderation zwar gelöscht wurde, den ich aber der Vollständigkeit halber nicht unerwähnt lassen will):

  1. Keiner hat das Recht Frauen zu vergewaltigen, weil er darauf steht.
  2. Kein Pädophilier darf Kinder missbrauchen, weil er meint er hätte das Recht seine Sexualität ausüben.
  3. Kein HIV-Träger hat das Recht, die Gesundheit von Nicht-Infizierten aufs Spiel zu stellen, weil’s ihm gerade Spaß macht, seine Sexualität auszuleben und es ohne Ehrlichkeit besser klappt.
  4. Auch wenn das die hier ›argumentierenden‹ HIV-Positiven gerne anders hätten.

Unnötig zu erwähnen, dass keines dieser Argumente jemals im Raum stand. Warum auch? Aber in einem Atemzug Vergewaltigung, Pädophilie und die HIV-Infektion miteinander zu vermischen … da muss man erst mal drauf kommen.

Zwischen Theorie und Praxis klafft – aller angeblichen »Aufklärung« zum Trotz – immer noch eine große Lücke. Um den Forenteilnehmern die Zusammenhänge zu verdeutlichen, skizzierte ich eine realistische Situation und bat um die Beantwortung der Frage am Ende:

Zwei Menschen – welchen Geschlechtes auch immer – haben einvernehmlich Lust auf Sex und stehen kurz vor einem ONS. Einer der beiden bist Du – da eröffnet der/die andere Dir, dass er/sie HIV-positiv ist. Gehen wir davon aus, dass damit – wie es ja Konsens scheint – der Sex entfällt. Aber: Wie würdest Du – zur Not auch auf Nachfrage – die plötzliche Meinungsänderung begründen?

Es gab tatsächlich drei (!) Antworten, von denen sich allerdings keine auf die Frage bezog, sondern lediglich auf die Situation.

a) »Ich bin wütend.«
Warum, wurde nicht gesagt. Sicherlich eher, weil der ganze Flirt-Aufwand für die Katz’ war – oder etwa wegen des zuvor noch vehement eingeforderten und nun entsprechend der Forderung tatsächlich eingestandenen Outings?

b) »Ich gehe ohne Worte.«
Ist es vermessen, wenn der zurückbleibende Mensch diese Reaktion direkt und ausschließlich auf seine HIV-Infektion bezieht und sich so seine Gedanken macht, ob er auch weiterhin ehrlich bleiben soll?

c) »Ich fühle mich unwohl.«
Das Unwohlsein ist verständlich – führt aber vielleicht dazu, dass über das Thema gesprochen wird. Ängste, Unwohlsein, Unwissen: Alles das lässt sich nur durch Kommunikation klären. Und die ist ein Teil des eingangs erwähnten Positionspapieres.

Man kann sich aussuchen, zu welcher Verhaltensweise man tendiert. Oder ob man sich völlig anders verhalten würde. Ich hatte eigentlich erwartet, dass eine Notlüge vorgeschoben würde. Denn das ist wohl – trotz allem – eher die Realität.

Es gibt also noch viel zu tun …

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MATTHIAS GERSCHWITZ

Botschafter Welt-AIDS-Tag

Endlich mal was Positives - Cover
Rote Schleife

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