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Nadja Benaissa bei ‘Beckmann’: extreme Erfahrungen nach Zwangsouting

5. Oktober 2010 von mgerschwitz

Nach ihrem Zwangs-Outing als HIV-positiv durch die Staatsanwaltschaft haben ihre Tochter und sie extreme Erfahrungen gemacht, berichtete Nadja Benaissa in einer Talkshow. Inzwischen kehre langsam wieder Normalität in ihr Leben ein. Benaissa war Gast in der ARD-Sendung “Beckmann”.

Kurz nach Erscheinen ihrer Biographie (Tinka Dippel: Nadja Benaissa – Alles wird gut) trat Nadja Benaissa am 4. Oktober 2010 in der Talkshow “Beckmann” auf. “Langsam kommt wieder ein wenig Normalität in mein Leben”, beschreibt Benaissa die ersten Wochen nach dem Urteil. Ihre 300 Stunden gemeinnützige Arbeit, zu denen sie zusätzlich zu zwei Jahren auf Bewährung sowie Therapie verurteilt wurde, möchte sie im Hospiz-Bereich oder in der Arbeit mit von HIV betroffenen Kindern leisten.

Benaissa berichtete, sie habe von ihrem Zwangsouting durch einen Justizvollzugsbeamten am gleichen Tag unter vier Augen erfahren. Ihre Tochter habe sie informieren wollen, wenn sie ein wenig älter und reifer sei – dies sei durch das Zwangs-Outing unmöglich geworden. Ihre Tochter habe danach extreme Reaktionen auf dem Schulhof erleben müssen.

Sie habe schon den Haftbefehl als komplette Vorverurteilung erlebt, erst recht die Reaktionen von Medien udn teilen der Öffentlichkeit danach. Dass die Unschuldsvermutung bis zum Urteil gelte – dies habe sie für sich nicht erlebt. Die im Haftbefehl angegebenen Gründe habe sie als nicht gut ermittelt empfunden.

Die Redaktion von ‘Beckmann’ hatte vor der Sendung die Staatsanwaltschaft Darmstadt erneut angefragt zu ihrem Verhalten. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt betonte, sie sei weiterhin der Ansicht, sich damals richtig verhalten zu haben. Der profilierte Journalist Hans Leyendecker (’Spiegel’, ‘Süddeutsche’; Beirat Transparency International) betonte in einem Einspieler erneut, die Staatsanwaltschaft Darmstadt hätte die HIV-Infektion Benaissas seiner Ansicht nach nicht bekannt geben dürfen.

Zum Thema Verantwortung und Schuld betonte Silke Klumb (Geschäftsführerin der Deutschen Aids-Hilfe) in einem Einspieler, Frau Benaissa habe Verantwortung für Ihr Verhalten. Sie treffe jedoch nicht die alleinige Verantwortung, es gehe immer um zwei (oder mehr) Partner/innen, jeden Sexualpartner treffe auch eine Verantwortung.

Benaissa betonte abschließend auf die Frage Beckmanns, was “die Menschen aus ihrem Fall lernen können”, HIV sei eben nicht nur Thema der Homosexuellen oder der krank aussehenden Menschen, sondern auch der Heterosexuellen.

Ebenfalls zu Gast in der Sendung: Medienanwalt Christian Schertz, der auch Nadja Benaissa (ab nach der Verhaftung) vertrat. Schertz kritisierte deutlich die Stigmatisierung Benaissas durch Medien und Justiz. Er betonte, er habe Staatsanwalt Neuber (Staatsanwaltschaft Darmstadt) angerufen und eindrücklich gebeten, von der Veröffentlichung weiterer Informationen Abstand zu nehmen – leider letztlich erfolglos. Die Medien ‘Bunte’ und ‘Bild’ hätten Entschädigungen gezahlt nach ihrer Berichterstattungen über die Umstände der Verhaftung.

Können Medien nach dem Verhalten, den Aussagen der Staatsanwaltschaft gar nicht anders als veröffentlichen? Udo Röbel, ehemaliger Chefredakteur der ‘Bild-Zeitung’, betont -bei heftigem Widerspruch durch Schertz sowie Benaissa- es seien (in der ‘Bild’) immer nur “die Fakten” geschrieben worden. Berichterstattung sei auch -dies habe auch das Kammergericht Berlin bestätigt- im Vorwege zulässig gewesen, schon wegen des “gravierenden Interesses des Informationsbedürfnisses der Öffentlichkeit” angesichts der Bekanntheit von Frau Benaissa.

Das Presserecht unterscheide, betonte Röbel, zwei Kategorien, den Schutz der Privatsphäre und den Schutz der absoluten Intimsphäre. Die Veröffentlichung sei nach Urteil des Berliner Kammergerichts rechtens gewesen, trotz gewisser intimer Details.

Angesichts von Begriffen wie “Todesengel” oder “Biowaffe” gestand Röbel ein, Geschmacksgrenzen seien des öfteren in diesem Fall überschritten worden – aber man habe berichten dürfen, das sei presserechtlich geklärt. Die Frage sei für ihn, woher dieser Sprachgebrauch komme. Die Gesellschaft habe sich verändert, Röbel sprach von ‘Zügen der Verwahrlosung”. Angesichts von Sendungs-Formaten, die mehr auf öffentliche Vorführen von Kandidaten als auf deren Casting ausgerichtet seien, schließe sich da für ihn nur ein Kreis.

Dieser Text wurde im Original bei ondamaris.de veröffentlicht; ich möchte mich herzlich für die Abdruckgenehmigung bedanken.

Allerdings möchte ich noch einige Anmerkungen machen:

  • Rechtsanwalt Christian Schertz bemerkte zu Recht, dass er als Anwalt absolut parteilich sein dürfe, wohingegen die Staatsanwaltschaft die Pflicht zur Neutralität habe, die eben auch bedeuten könne, dass Entlastungsmaterial gesucht und einbezogen werden müsse. Das ist in diesem Falle sträflich unterlassen worde, was die gesamte Vorverurteilungsmaschinerie in Gang setzte.
  • Udo Röbel – ehemaliger “BILD”-Chefredakteur – beklagte die zunehmende Verwahrlosung der Gesellschaft, vermied es aber zuzugeben, dass der Boulevard bzw. seine Medien zu einem großen Teil diese Verwahrlosung fördern bzw. erst möglich gemacht haben. Er kam mir vor wie der Zauberlehrling, der sich über die Geister, die er selbst rief, wundert …
  • Silke Klumb von der Deutschen Aidshilfe eierte in meinen Augen mit der Beschränkung auf die “gemeinsame Verantwortung” herum. Was mir bereits im Umfeld des Prozesses immer wieder auffiel: Jeder, der auch nur im Entferntesten mit der DAH zu tun hat, forderte unter Hinweis auf diese “gemeinsame Verantwortung” (aus dem Positionspapier der DAH) einen Freispruch – viele beschworen nach der Urteilsverkündung sogar einen Justizskandal. Tatsache ist: Strafrechtlich musste Nadja Benaissa zur Verantwortung gezogen werden – moralisch-ethisch kann sich allerdings kein Sexualpartner aus der Verantwortung stehlen. Im Prozess ging es aber ausschließlich um die strafrechtliche Relevanz.

Meine Schlussfolgerung: Beckmann gab sein Bestes … aber bei Themen dieser Art reicht selbst das nicht – da ist er überfordert.

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MATTHIAS GERSCHWITZ

Botschafter Welt-AIDS-Tag

Endlich mal was Positives - Cover
Rote Schleife

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