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Kunst in der AIDS-Prävention (?)

12. März 2011 von mgerschwitz

Im Nachgang zu meiner Lesung am 2.2.2011 im Rahmen der 20-Jahr-Feier der AIDS-Hilfe Potsdam sprach mich Sebastian Völker, ein Student der Kulturarbeit an der Fachhochschule Potsdam an. Er ist ehrenamtlich aktiv für den gemeinnützigen Verein “HIV-Projekt Belize e.V.” und arbeitet seit dem Winter 2009 an dem Projekt “safe and sound – music for future” in dem lateinamerikanischen Land Belize. Hier geht es darum, Menschen gezielt mit dem Medium Musik den Zugang zu innovativerer und künstlerisch gestalteter AIDS-Präventionsarbeit zu schaffen. Im Rahmen seiner Diplomarbeit möchte er die Bedeutung des Kunst-Aspektes auch in der heimischen Präventionsarbeit untersuchen und stellte mir einige Fragen, die ich gemeinsam mit meinen Antworten hier veröffentlichen darf:

Ist Ihrer Meinung nach ein Umdenken in der AIDS-Präventionsarbeit in Deutschland von Nöten?

Die Präventionsarbeit muss sich der aktuellen Situation anpassen. HIV ist als Krankheit immer noch eine Bedrohung, aber die Begegnung mit einem/einer Positiven schon lange (auch beim Sex) kein grundsätzliches Risiko mehr. Die Präventionsarbeit muss auch aus der HIV-Lastigkeit heraus; im Zuge des Schwerpunktes auf HIV sind Hepatitis, Syphilis und andere Geschlechtskrankheiten völlig zu Unrecht in den Hintergrund getreten. Prävention muss heute »Bewusstseinsschaffung für den Umgang mit der eigenen Gesundheit« sein; nicht die (Be-)Drohung ist der Schlüssel, sondern die Selbstverantwortung; es muss deutlich werden, dass nicht derjenige »schuld« ist, der eine Geschlechtskrankheit weitergibt, sondern derjenige, der sich »zu sicher« davor fühlt, aber letztlich dieselbe (und eigentlich noch eine größere) Verantwortung trägt. Verantwortung kann man nicht auf andere abschieben!

Schätzen Sie die aktuellen Präventionsstrategien/Präventionskonzepte als zeitgemäß ein?

Wenn man die Welt-Aids-Tag-Kampagne als »Strategie« oder »Konzept« bezeichnen will: Ja. Sie war in dieser Form lange überfällig, stellt aber erst einen Schritt in die richtige Richtung dar. »Positive als Testimonial« zeigen deutlich, dass die Krankheit ihr Gesicht verändert hat. Im Gegensatz zu vor 15/20 Jahren sehen heute selbst die Kranken gesund aus, nehmen am normalen Leben teil und verfügen über Lebensperspektiven. Dies bedeutet, dass optische Unterscheidungen (à la »der sieht krank aus, der nicht«) ausgedient haben – ja, schon der Versuch schnell in die Hose gehen kann …

Wie schätzen Sie die Bedeutung von Kunst und Kultur dabei ein und welchen Stellenwert können/müssen sie ihrer Meinung nach einnehmen?

»Kunst und Kultur« ist mir persönlich als Oberbegriff zu wenig aussagekräftig; hier muss differenziert werden. Wenn es um Prävention/Aufklärung geht, ist Kunst/Kultur maximal ein Vehikel, aber kein Hauptinformationsträger. Da fast jeder Mensch unterschiedliche Vorlieben hat, was Kunst/Kultur betrifft – und auch unterschiedliche Assoziationen und unterschiedlichen Geschmack in der Rezeption und Bewertung von Kunst/Kultur an den Tag legt, kann nur die Kunst/Kultur etwas transportieren, die sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner/das größte gemeinsame Vielfache einlässt. Wenn Kunst/Kultur an sich erklärungsbedürftig wird, sind die Möglichkeiten als Präventionsmaßnahme eher beschränkt.

Andererseits ist Kunst/Kultur aber eine probate Methode der Selbstdarstellung eines Menschen im Umgang mit seiner Krankheit, nicht nur im Sinne einer »Therapie«, sondern einer Verbildlichung seiner Situation. Um verstanden zu werden, ist es aber notwendig, dass der jeweilige Künstler sein eigenes Werk präsentiert und die Deutungshoheit nicht anderen überlässt.

Kunst/Kultur kann aber – und sollte auch – eine die Prävention begleitende Maßnahme sein, um die Vielfalt der Ansatzpunkte zum Thema zu vermitteln.

Sollte man sich den Wünschen der Zielgruppen anpassen?

Nein. Wenn sich die Zielgruppe »etwas wünschen« darf, wird sie immer nur in bekannten Mustern stehen bleiben. Das Geheimnis liegt in der Überraschung, in der Erweiterung des Bildes, der Kenntnisse, des Wissens … der Erweiterung des Horizontes allgemein. Wesentlich ist aber, dass man sich den Bedürfnissen der Zielgruppe anpasst. Ich kann nur jemanden erreichen, wenn ich ihn dort abhole, wo er sich befindet und ihn dort hinbringe, wo er sich vorstellen kann, dass er sein möchte – selbst, wenn er dazu Neuland betreten muss.

Kann Kunst und Kultur den Zugang zu jeweiligen Zielgruppen erleichtern?

»Kann« … ja. Siehe letzte Frage. Es wäre aber gefährlich, Kunst/Kultur außerhalb des Rezeptionsvermögens der Zielgruppen einzusetzen. Was »nicht verstanden« wird, wird im besten Falle ausgeblendet, eher jedoch noch abgelehnt. Damit verkehrt sich die eigentlich gute Idee des Vehikels schnell in ihr Gegenteil. Aus der negativen Konnotation kommt es nur schwer wieder heraus…

Kann Kunst und Kultur die Barrikaden/die Tabuisierung rund um das Themengebiet HIV/AIDS brechen/einreißen?

Nein, alleine nicht – Kunst/Kultur ist kein allgemeingültiger Code. Es kann aber als Vehikel dienen, die Kommunikation zwischen Positiven und Negativen anzustoßen, zu verstärken, zu kanalisieren.

Hat die AIDS-Präventionsarbeit in Deutschland überhaupt ein Aktualitätsproblem?

Im klassischen Sinne JA – denn HIV ist zu weit aus dem Focus geraten. Die Informationshoheit liegt mittlerweile (fast nur) bei den Medien, die Fälle wie Nadja Benaissa »aufpumpen«, um genauso schnell die Luft wieder herauszulassen. Gäbe es eine größere Kontinuität – z.B. ganzjährig und nicht nur um den 1.12. herum, wo Medien eher terminorientiert als diensteifrig ihrer Meldepflicht nachkommen, wäre das Aktualitätsproblem keines mehr.

Wie schätzen Sie die öffentliche Wahrnehmung der aktuellen Präventionsarbeit in Deutschland ein? Bestechen die Konzepte durch ausreichen Aktualität und erzeugen sie genügend Aufmerksamkeit?

Das Problem der Prävention liegt gerade bei HIV darin, dass die Aufmerksamkeit erst entsteht, wenn es (fast) zu spät ist. Im festen Glauben, nicht von der HIV-Problematik betroffen zu sein, negiert ein Großteil der Bevölkerung jegliche Form der Aufklärung bzw. nimmt sie nicht wahr. Erst, wenn es einen Risikokontakt gegeben hat – oder wenn HIV plötzlich im dichteren Umfeld auftritt – wird die Infektion als Bedrohung wahrgenommen … verliert aber ihren Schrecken meist kurz nach der Entwarnung durch ein negatives Testergebnis.

In einem Punkt hat sich die Wahrnehmung aber definitiv geändert: Berichtete man vor 15/20 Jahren ungefragt über seine Infektion, war die Reaktion bei »aufgeklärten« Leuten, ob man sich interessant oder wichtig machen wolle (selbst erlebt!). Heute verfallen die Hörer eher in Mitleid, Mitgefühl oder Hilflosigkeit im Finden der richtigen Worte.

Mit der aktuellen Welt-Aids-Tag-Kampagne und der Präsentation von HIV-positiven Menschen im beruflichen/privaten/sozialen Umfeld steigt meiner Meinung nach die Wahrnehmung deutlich an, weil Menschen in der Werbung bessere Aufmerksamkeitswerte erzielen als (lustige) Bilder oder Textaussagen. Und: HIV-positive Menschen sind mit ihrer Infektion immer »aktuell« und letztlich auch glaubwürdiger.

Ein interessantes, ja spannendes Thema, dem sich Sebastian Völker da widmet. Ich habe die Fragen gerne beantwortet, denn dabei erinnerte ich mich einer Ausstellung des Schweizer Fotografen Gerhard Hintermann – Negativ? Positiv? – die ich im Sommer 2007 besuchte. Die Fotos zeigten auf beeindruckende Weise, wie dicht “positiv” und “negativ” zusammenliegen – und dass man sich eigentlich nie sicher sein kann … mithin ein starkes Stück Prävention.

Ich wünsche dem Projekt und der Diplomarbeit von Sebastian Völker viel Erfolg. Gleichzeitig stelle ich aber auch meine Antworten auf die Fragen zur Diskussion und freue mich auf Meinungen dazu.

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MATTHIAS GERSCHWITZ

Botschafter Welt-AIDS-Tag

Endlich mal was Positives - Cover
Rote Schleife

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