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Leseprobe 2

Positiv sollten Sie Ihren Tag beginnen

Das waren schöne Zeiten in den frühen achtziger Jahren, als das Wort positiv noch eindeutig positiv besetzt zu sein schien. Damals sendete der Südwestfunk Baden-Baden in seinem 3. Radioprogramm die Ratgeberrubrik »Gesundheitstraining für Gesunde« von und mit Frau Dr. Eberlein. Eine ernst gemeinte Rubrik, die aber wie bei SWF 3 üblich, witzig aufgemacht war. In vierzig bis sechzig Sekunden Sendezeit gab Frau Dr. Eberlein jeweils einen Ratschlag, mit dem sich die Stimmung schon am frühen Morgen aufhellen sollte, um den Tag angenehmer zu gestalten. Der Titel »Positiv sollten Sie Ihren Tag beginnen« wurde schnell zum geflügelten Wort, bis – ja, bis das Wort positiv durch HIV und AIDS einen zweiten, unheilschwangeren Sinn bekam. Damit war die Rubrik gestorben.

Heute muss man sich fragen: Warum eigentlich? Frau Dr. Eberlein zielte allein auf die Psyche ab. Seit langem ist bekannt, dass sich eine positive Lebenseinstellung vorteilhaft auf den Umgang mit Depressionen auswirkt und ganz allgemein die Gesundheit fördert. Lachen ist gesund, weiß schon der Volksmund. Und eine Studie der University of Texas will vor etlichen Jahren herausgefunden haben, dass eine positive Einstellung zum Leben sogar das Altern verzögern kann.

Die positive und die negative Lebenseinstellung trennen den Optimisten vom Pessimisten. Ich darf für mich in Anspruch nehmen, ein Optimist zu sein. Die Anlage dazu habe ich wahrscheinlich schon in den Genen – getreu des schönen Goethe-Versleins: Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen – Vom Mütterchen die Frohnatur, und Lust zu fabulieren – aber was man mit Optimismus erreichen kann, habe ich durch meinen ältesten Bruder erfahren und von ihm gelernt. Er litt sechzehn Jahre lang an einem Gehirntumor, der trotz mehrfacher Operationen nicht komplett entfernt werden konnte, und starb kurz nach seinem 30. Geburtstag an den Folgen der Geschwulst. Sein positives Denken, seine »Wir schaffen das schon«-Einstellung und sein unbändiger Lebenswille haben mich tief beeindruckt und entscheidend geprägt. Als ich zwölf Jahre später selbst den 30. Geburtstag feierte, widmete ich ihm diesen Tag. Heute bin ihm unendlich dankbar für alles, was ich von ihm an Lebenskunst gelernt habe und fühle mich ihm näher als je zuvor.

Der Optimist, und ich bin wirklich froh, mich als solchen bezeichnen zu können, nimmt das Leben leicht; manchmal auch so leicht, dass die Umgebung den Eindruck gewinnen könnte, zu leicht. Dazu kommt noch eine gewisse Flapsigkeit, mit der ich die Sprache gerne als Stilmittel einsetze und die auch vor der verbalen Auseinandersetzung mit der Krankheit nicht Halt macht. Einer meiner Lieblingssprüche zu diesem Thema lautet: »Im Grunde meines Herzens war ich immer schon ein positiver Mensch, da wollte der Körper nicht nachstehen.«

An solchen Formulierungen scheiden sich die Geister. Manche lachen und finden es gut, wenn ich die Krankheit mit Humor nehme. Andere wiederum werfen mir vor, es mangele mir an dem nötigen Ernst, was natürlich nicht stimmt. Und außerdem: Wie viel Ernst ist nötig, wenn es darum geht, gut zu leben? Aber Aphorismen dieser Art erleichtern mir den Umgang mit der Krankheit – und anderen den Umgang mit mir, denn ein gemeinsames Lachen befreit. Lachen ist tatsächlich gesund.

Wohin eine pessimistische Lebenseinstellung führen kann, zeigt das Beispiel meines früheren Freundes. Wir führten eine Fernbeziehung zwischen Berlin und Zürich. Im Schnitt waren wir alle drei Wochen für ein paar Tage zusammen, zumeist in der Schweiz. Schon bei meiner Ankunft hatte er meine Abreise im Sinn, wurde traurig und konnte die Momente des Zusammenseins kaum auskosten. Ich hingegen genoss die gemeinsame Zeit in vollen Zügen. Obwohl auch mir jedes Mal der Abschied schwerfiel, sah ich doch bereits am Horizont voller Vorfreude das nächste Treffen.

In dieser Konstellation hat es eine Beziehung schwer, nicht zu scheitern. So etwas merkt man natürlich erst hinterher. Unterschiedliche Lebenseinstellungen können eine Beziehung sehr stark beeinflussen; und je größer die Entfernung, umso störender der Einfluss. Das genannte Beispiel belegt, wie man sich erfolgreich selbst im Weg stehen kann. Klassiker wie Murphys Gesetz: »Alles was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen« werden so schnell zur Realität.

Der Pessimist steht also nicht nur sich selbst, sondern auch seinem Glück im Wege, da er grundsätzlich das Negative in den Vordergrund stellt. Der Optimist hingegen kann selbst noch in Rückschlägen etwas Positives finden und sich so auch an einem kleinen Glück freuen. Und dass Glück etwas ausgesprochen Gutes ist, wusste schon der französische Philosoph Voltaire. Von ihm stammt der Ausspruch: »Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.«

Recht hat er.

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MATTHIAS GERSCHWITZ

Botschafter Welt-AIDS-Tag

Endlich mal was Positives - Cover
Rote Schleife

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